Ruhetag - Sonnabend 9. Januar 2010 | Antofagasta
Film zur Etappe
HALBZEIT BEI DER RALLYE DAKAR
Paukenschlag am Ruhetag: Zeitstrafe für Marc Coma, der wegen eines regelwidrigen Reifenwechsels auf der 7. Etappe vom zweiten auf den 24. Platz der Gesamtwertung zurückfällt. Positiv ist die Halbzeitbilanz für die blauen Volkswagen mit einem vorläufig reinen VW-Podium und Carlos Sainz an der Spitze. Blau steht auch bei den Lastwagen hoch im Kurs. Wladimir Chagin eilt in seinem Kamaz-Truck von Erfolg zu Erfolg.
Motorrad: Strafe für Coma, ernste Titeloption für Despres
Wer bei der Rallye Dakar glaubt, die Zukunft vorhersagen zu können, lehnt sich gewaltig aus dem Fenster. Nichtsdestotrotz hat es den Anschein, dass Cyril Despres nach seinen Erfolgen 2005 und 2007 geradewegs auf einen dritten Titel zusteuert. Kein anderer Pilot ist im Wettbewerb bislang so konstant aufgetreten wie der Franzose, der dank einer Mischung aus Leistungsstärke und Vorsicht die Führung in der Gesamtwertung übernommen hat. In dieser Hinsicht war er vor allem viel effizienter als seine direkten Rivalen. Der Rennverlauf hat mit sämtlichen Fragen, ob die 450er-Maschinen seiner KTM 690ccm das Wasser reichen können, kurzen Prozess gemacht. David Casteu, erster Gesamtführender auf seiner Sherco, konnte nur vier Etappen lang mit Despres Schritt halten, ehe ihn ein Sturz bei seiner siebten Teilnahme zum allerersten Mal zur Aufgabe zwang. Und David Frétigné, bei der Wertungsprüfung von La Rioja ebenfalls Tagessieger, verlor am darauf folgenden Tag auf der Strecke nach Fiambala 1h35. Seine Titelträume begraben kann nach einer Anhäufung kleinerer mechanischer Probleme und Navigationsfehler wohl auch Francisco „Chaleco“ Lopez, der aber wie schon 2009 eine Etappe daheim zu seinen Gunsten entschied, beim ersten Zwischenstopp in Antofagasta.
Vor allem die Bedrohung durch Marc Coma hatte Cyril Despres schon beim Auftakt in Buenos Aires ausgemacht. Der Titelverteidiger war jedoch vom Pech verfolgt: Einer ersten Zeitstrafe von 22 Minuten folgte ein Renntag mit Motorproblemen, und dann ein weiterer, an dem sein defektes Hinterrad ihn über 40 Minuten lang aufhielt. Trotz dieser Pechsträhne feiert Coma wie Despres bis zum Ruhetag zwei Etappenerfolge und belegt in der Gesamtwertung Rang zwei. Sein beachtlicher Rückstand von 1h06 ließ aber noch hoffen.
Aber den kapitalen Fehler beging Coma auf der Rückkehretappe nach Antofagasta. Das ist zumindest die Auffassung der Rennkommissare, die durch mehrere Piloten vom folgenschweren Verdacht eines regelwidrigen Wartungseingriffs erfuhren. In einem nicht von der Zeitmessung erfassten Etappenabschnitt soll der Katalane demnach ein Rad gewechselt haben, bevor er den zweiten Teil der Wertungsprüfung mit einem neuen Reifen in Angriff nahm, den man naturgemäß viel intensiver belasten kann. Dabei besagt das Regelwerk der Rallye Dakar in Artikel 18-4, dass Hilfsleistungen unter Teilnehmern alleine im Rennen zulässig sind. Nach eingehender Untersuchung der TV-Bilder von France Télévisions waren die Kommissare überzeugt und brummten Coma eine sechsstündige Zeitstrafe auf. Der Betroffene leugnet das nach Meinung vieler Offensichtliche und plant, morgen früh nicht wieder an den Start zu gehen.
Dadurch rückt Helder Rodrigues in der Rangfolge auf Platz zwei vor mit einem Rückstand von 1h20 auf Despres. Der Yamaha-Pilot führt die Wertung der 450er-Maschinen an. Er liegt 11’ vor der Aprilia von „Chaleco“ Lopez und 46’ vor David Frétigné.
Das Klassement der Dakar-Neulinge wird vom Italiener Paolo Ceci angeführt, der in der Gesamtwertung mit einem Rückstand von 3h17’ auf Despres Rang 15 belegt. Die Damen im Teilnehmerfeld zeigen sich resistenter als die männliche Konkurrenz, da von den ursprünglich fünf Starterinnen immer noch vier dabei sind. Die Schwedin Annie Seel, in der Gesamtwertung auf Platz 43, ist die schnellste von ihnen.
Quads: Kopflos
Der Argentinier Marcos Patronelli, bei der Vorjahresauflage der Rallye Dakar sensationell Zweiter hinter Josef Machacek, drückte der Kategorie in der ersten Wettbewerbshälfte an der Spitze der Gesamtwertung seinen Stempel auf. Aber der Beschluss der Rennkommissare, ihn wegen Missachtung des Regelwerks auf der siebten Etappe mit einer dreistündigen Zeitstrafe zu belegen, hat seinen Triumphzug nach Buenos Aires gestoppt. Ein ehrgeiziger Titelverteidiger und eine Vielzahl ernsthafter Anwärter nahmen das Quad-Rennen auf. In der Kategorie meldeten 25 Starter – ein Rekord. Die Gruppe der Argentinier und generell der Südamerikaner entspricht mehr als der Hälfte des Teilnehmerfeldes. Doch die zehn Ausfälle bis zum Ruhetag, darunter insbesondere das Ausscheiden von Machacek, Braga, Plechaty, Henderson und Deltrieu, führten sehr schnell dazu, dass die Patronelli-Brüder das Tempo diktierten und 5 der 7 Etappen gewannen (3 für Marcos und 2 für Alejandro). Nur der Spanier Juan Manuel Gonzalez schaffte es nach der zweiten Etappe einen Tag lang an die Spitze der Gesamtwertung und durchbrach die Vormachtstellung von Marcos. Vor dem Auftakt der 8. Wertungsprüfung bleibt er der letzte große Sieganwärter… neben Alejandro Patronelli, der im Gesamtklassement 55’01’’ vor ihm liegt.
Autos: Ein Kampf unter Race Touaregs
Die Dakar ist immer für Überraschungen gut, und Volkswagen konnte nur allzu lange ein Lied davon singen. Doch die Situation sieht für Sportdirektor Kris Nissen mit Blick auf den Gesamtsieg für einen der fünf Race Touaregs viel versprechend aus. Er rechnet nicht mehr mit Titelverteidiger Giniel De Villiers, der auf der Etappe von Fiambala fast drei Stunden verlor. Und auch nicht auf Mauricio Neves, der nach einem Überschlag auf der 6. Etappe ausschied. Und dennoch rangieren seine Piloten auf den ersten drei Plätzen der Gesamtwertung, wobei Carlos Sainz 11’03’’ vor Nasser Al Attiyah und 22’06’’ vor Mark Miller liegt. Bis dato hat der Rennstall beschlossen, allen drei Piloten im Kampf um den Gesamtsieg freie Hand zu lassen. Doch wer die Vorgeschichte von Carlos Sainz und Nasser Al Attiyah kennt, weiß nur zu gut, dass die beiden Lenkradvirtuosen ständig ans Limit gehen, und das Renngeschehen in der zweiten Rallye-Woche zu jedem Zeitpunkt auf den Kopf gestellt werden kann. Volkswagen kann sich sprichwörtlich nur selber schlagen.
Der erwartete Showdown mit den Piloten von BMW X-Raid ging gleich in der ersten Rennwoche zu Ende: Guerlain Chicherit verlor schon auf der ersten Etappe an Boden, Nani Roma schied nach einem Überschlag bei Km 92 der dritten Etappe aus. Stéphane Peterhansel war noch der hartnäckigste Vertreter im Bunde und übernahm noch am selben Tag die Gesamtführung. Ein Bruch der Antriebswelle auf der fünften Etappe kostete ihn jedoch zwei Stunden, und ließ die Rennspitze für ihn in unendlich weite Ferne rücken. Dennoch steckt der dreifache Gesamtsieger der Autokategorie nicht auf und versucht wie sein Kollege Chicherit wieder heranzukommen. Zur Halbzeit übernimmt der ehemalige Extremski-Weltmeister vorläufig Rang vier, 2h02 hinter Sainz, und 16’’ vor „Peter“. Unterstützt wurde die Aufholjagd der beiden Teamkollegen durch die Missgeschicke von Robby Gordon (Etappensieger in Copiapo), Krzysztof Holowczyc und Carlos Sousa.
In der Kategorie „Production“ liegt Titelverteidiger Nicolas Gibon wieder in Front. Als Nummer 20 der Gesamtwertung, 9h30’ hinter Sainz, liegt er vor Jun Mitsuhashi, seinem „Teamkapitän“ bei Toyota, wenn auch nur einen Platz aber dennoch 58 Minuten. Der Spanier Xavier Foj, dritter T2-Teilnehmer des Rennens, hat einen Rückstand von 2h46’ auf Gibon.
Lastwagen: Freie Fahrt für Chagin
Die Kamaz-Leute haben zwar nicht die Angewohnheit, das Fell des Bären zu verkaufen, noch bevor er erlegt ist, doch können sie die zweite Rennhälfte völlig gelassen angehen. Wladimir Chagin stand noch nie so kurz vor der Einstellung des stets von Karel Loprais gehaltenen Rekords mit sechs Titeln. Beinahe ist ihm ein fehlerfreier Parcours geglückt mit sechs Wertungserfolgen bei sieben Etappen. Diese Ausbeute bringt ihn auch in den Annalen voran, da er Ari Vatanen mit 53 Tageserfolgen bereits überholt hat und gleichauf liegt mit Stéphane Peterhansel (33 Motorrad- und 20 Autoerfolge).
Michelle Bachelet besucht das Biwak von Antofagasta
Am Ruhetag in Antofagasta hat die Rallye Dakar Michelle Bachelet, die Präsidentin der Republik Chile, empfangen. In Begleitung von Jean-Etienne Amaury, Präsident der A.S.O., und Etienne Lavigne, Dakar-Direktor, besuchte die Präsidentin das Biwak und bekräftigte ihre Unterstützung für die Austragung der Rallye Dakar in Chile.
Das Biwak birgt für Michelle Bachelet keine Geheimnisse. Mit einer Traube von Fotografen und Kameraleuten im Schlepptau durchquerte sie die Wege des Zeltlagers von Antofagasta und gab zunächst Carlo de Gavardo, dem Pechvogel dieser Auflage, eine lange Umarmung. Der chilenische Motorradpilot Francisco Lopez führte sie umher. Auf dem Weg zum Aprilia-Zelt kreuzte die Präsidentschaftsdelegation zwei der Mitglieder vom Team BMW X-Raid. Stéphane Peterhansel, mit dem sie sich auf Englisch unterhielt, berichtete von „einem unglaublichen Spektakel der Schlussabfahrt nach Iquique.“ Darauf die Präsidentin: „Für einen Normalsterblichen ist das natürlich beeindruckend.“ Anschließend erkundigte sie sich nach der Moral von Nani Roma. Voller Interesse für die Maschine, auf der Francisco Lopez die erste Etappe von Antofagasta gewann, verweilte die Präsidentin am längsten am Stand des Teams Gasco. José Miguel Melo, Pilot eines der beiden Teamautos, lobte ihr gegenüber die Vorzüge der Hybridmotoren Gas-Benzin. „Das ist sehr gut. Diesen Weg müssen wir weitergehen“, lautete ihre Antwort.
Etwa 500 Meter vom Biwak entfernt, auf dem über dem Pazifik und der Portada de Antofagasta thronenden Felsklippe, die auch das Stadtwappen ziert, diente eine Segeltuchkonstruktion als Dekor für das protokollarische Zeremoniell. Etienne Lavigne erneuerte den Dank der Dakar-Organisation für die Austragung des Wettbewerbs im Rahmen der Zweihundertjahrfeiern der Unabhängigkeit Chiles. Seine Zufriedenheit äußerte der Dakar-Direktor auch hinsichtlich der Zusammenarbeit zwischen der Dakar-Organisation und den Stellen für Denkmal- und Naturschutz beim Abstecken der Strecke und der Bewahrung mehrerer Gebiete von archäologischem Interesse. Anschließend hielt Michelle Bachelet eine Rede, in der die Unterstützung für das Rennereignis und dessen Philosophie überwogen. „Einen ganz besonderen Gedanken verbinde ich mit dem italienischen Piloten Luca Manca. Vor seinem Unfall zeigte er sich gegenüber einem anderen Konkurrenten unglaublich solidarisch. Ich will ihm unbedingt unsere Grüße und besten Genesungswünsche übermitteln, wie auch allen anderen verletzten Teilnehmern.“ Zum Abschluss ihrer Rede betonte die Präsidentin die Bedeutung der Rallye Dakar für ihr Land: „Wir brauchen Wettbewerbe dieser Art. Durch die Rallye Dakar rücken Chile, seine Einwohner und unser Organisationstalent in den Fokus der Öffentlichkeit.“ Der Besuch endete mit der Überreichung eines Schecks über 112.000 Dollar an die Vereinigung ‘Un Techo para mi pais’ durch Etienne Lavigne im Namen der Rallye Dakar.


